Im Kreise der Freunde

Der Offenburger Chor der Deutschen aus Russland „Jungbrunnen“ feierte 15-jähriges Jubiläum

Im Namen des Offenburger Chores der Deutschen aus Russland „Jungbrunnen“ – so ist unser offizieller Name – und der Kreis- und Ortsgruppe Offenburg/Ortenaukreis der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland – unter deren Fittiche diese ganze Zeit der Chor steht und deren Vorsitzender ich bin – habe ich mich am 17. November 2018 bei den etwa 200 Anwesenden bedankt, dass sie der vorweihnachtlichen Hektik zuwider Zeit gefunden haben, um ins Gemeindezentrum der Heilig-Geist-Kirche in Offenburg-Albersbösch  zu kommen und zusammen mit uns dem fünfzehnjährigem Jubiläum des Chores „Jungbrunnen“ beizuwohnen.

Ich habe gleich betont, dass wir uns sehr freuen, mit allen erschienen Gästen unsere Freude über das 15-jährige Jubiläum des Chores zu teilen, und diese Veranstaltung als Geburtstag im Kreise unserer Freunde verstehen.

Zunächst habe ich einen Überblick über unsere 15-jährige Geschichte gegeben.

Der Chor „Jungbrunnen“ wurde von mir als Projektleiter der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland im September 2003 gegründet und probte zuerst im Beratungszimmer des Übergangs­wohnheims Bohlsbach. Deswegen kann man auch sagen, dass unser Ursprung in Bohlsbach ist. Weitere Übungsorte waren der Musikraum der Lorenz-Oken-Schule sowie der alte Kindergarten bis wir unsere jetzige Unterkunft im Stadtteil- und Familienzentrum „Am unteren Mühlbach“ fanden, wo wir bereits seit sieben Jahren proben.

Die Idee der Gründung des Chores war natürlich nicht neu. Bei der deutsch-sprachigen Tageszeitung „Freundschaft“/“Deutsche Allgemeine“, die für die deutsche Bevölkerung Kasachstans herausgegeben wurde und für die ich zehn Jahre gearbeitet habe, hatten wir einen ähnlichen Chor gehabt. Dieser war in Alma-Ata ziemlich bekannt. So traten wir unter anderem auf der Bühne des Operntheaters in Alma-Ata auf und waren auch bei Aufnahmen für einen historischen Film des Kinostudios „KasachFilm“ dabei.

Zum zehnjährigen Jubiläum unserer Ortsgruppe der Landsmannschaft wurde 1992 auch ein gemischter Chor organisiert, wo aus vier damals vorhandenen Männern Gerhard Mayer und ich aus unserem heutigen Chor waren. Auch Frau Illg und Frau Rall aus dem damaligen Vorstand der Ortsgruppe und andere Sängerinnen und Sänger – insgesamt waren wir etwa 15-18 Personen. Wir probten damals im Übergangswohnheim in der Prinz-Eugen-Straße 15. Aber nach dem Auftritt auf der Jubiläumsfeier war Schluss für diesen Chor, vielleicht deswegen, weil der musikalische Chorleiter zu jeder Probe aus Karlsruhe kommen musste.

Aller Anfang ist immer schwer. Ehrlich gesagt habe ich mich zuerst einige Tage und Nächte gequält und gegrübelt, bis ich zum heutigen Namen des Chores kam, damit man sich nicht wiederholt, uns mit keinem anderen Chor verwechselt und nicht gleich in die Schublade der rein russischen Chöre steckt. Man könnte sogar meinen, wegen des Namens unseres Chores sehen seine Sängerinnen und Sänger viel jünger aus, als sie in Wirklichkeit sind, weil sie jetzt bei jeder Probe und jedem Auftritt ständig in einem Jungbrunnen baden.

Nachdem der Name des Chores festgelegt wurde, musste ein musikalischer Leiter her – Anton Bittel, der zu dieser Zeit noch im Übergangswohnheim Bohlbach weilte und bis heute dabei ist. Er und auch einige andere Leute mussten zunächst überredet werden, diesen Anfang zu wagen und zu unseren ersten Proben zu kommen. Die Bewohner des Übergangswohnheimes habe ich manchmal mit Nachdruck zu den Proben aus ihren Zimmern rausgeholt oder auch einfach dazu gedrungen. Jetzt sind viele von diesen Leuten dankbar, dass ich so hartnäckig war. Aber bereits in einigen Monaten hatten wir letztendlich einen Stamm unseres Chores gehabt, so dass wir im Dezember 2003 den ersten öffentlichen Auftritt während des Seniorenadventsabends im Gemeindezentrum der Erlösergemeinde in Offenburg-Albersbösch veranstalten konnten.

Viele von unseren ersten Mitgliedern des Chores  sind nicht mehr dabei. Aber dafür gibt es verschiedene Gründe. Z. B. das junge Ehepaar Koch. Er hat die Hochschule Offenburg absolviert und arbeitet zur Zeit als Ingenieur im Europapark. Sie hat auch ihre Ausbildung anerkennen lassen. Die beiden haben sich gut integriert und erziehen jetzt ihre kleinen Kinder.  Lisa Schatrock singt jetzt im Kirchenchor Achern und Nelli Duckart zusammen mit ihrem Sohn und zwei Töchtern im Kirchenchor Lahr. Andere singen weiter in Lahr, Oberkirch oder sonst irgendwo. So waren sie doch nicht umsonst bei uns. Wir haben auch Flüchtlinge gehabt. Zum Beispiel Abdullah aus Syrien oder Anna Lukaschkina und Jakov Rosin als jüdische Kontingentflüchtlinge. Musik und Gesang dienen nicht nur der Integration, sonder auch dem Miteinander.

Alle diese 15 Jahre „feilen“ die Sängerinnen und Sänger unseres Chores an ihren Fähigkeiten unter der musikalischen Leitung von Anton Bittel. So setzt Anton Bittel die Leitung eines russlanddeutschen Chores hier in Deutschland fort, die er auch in Russland inne hatte. Und wir haben nach diesen 15 Jahren unter seiner Regie einiges erreicht und haben uns gegenseitig sowohl menschlich als auch professionell ein bisschen weiter gebracht. Das ist doch immer ein gemeinsamer Entwicklungsprozess.

In dieser Zeit haben wir nicht nur freudige Ereignisse gehabt. So haben wir in den letzten fünf Jahren nach tückischen Krankheiten drei unserer Mitglieder verloren: Viktor Weber, Egon Kieß und Matthias Gretz. Wir haben auch Todesfälle bei den Familienangehörigen unserer Chormitglieder gehabt. Um diese lieben Menschen auf ihrem letzten Weg auf der Erde würdig zu begleiten, haben wir eine besondere Vokalgruppe organisiert, die bei solchen Fällen a cappella singt.

Zurück zu Positivem. Unser Chor „Jungbrunnen“ hat sich inzwischen im Kulturleben der Stadt Offenburg sehr gut etabliert. Mit dem volkstümlichen Repertoire, das überwiegend aus den deutschen Volksliedern besteht und bereits mehr als hundert Lieder umfasst, begeistern die Laienkünstler immer wieder das Publikum – sei es bei Stadtteilfesten oder bei Auftritten zu besonderen Anlässen. Mittlerweile beschränken sich unsere Auftritte nicht nur auf den Offenburger Umkreis, wir waren bereits in Pforzheim (mehrmals bei den jährlichen Chorfestivals, organisiert vom Chor „Gute Laune“ – unserem heutigen Gast), und in Friedrichshafen (dreimal), in Stuttgart und Wiesbaden, in Nordrach und Schwanau, in Lahr und Gengenbach.

Dazu kommen auch die besonderen Auftritte: in der Justizvollzuganstalt Offenburg, auf dem Weihnachtsmarkt und auf der Herbstmesse in Offenburg, im Stadtpark Lahr und auf der Landesgartenschau in Lahr, bei den Jahreskonzerten des Männergesangvereins Eintracht in Bohlsbach. Sehr oft treten wir in den Senioren- und Pflegeheimen in der Umgebung auf, um den Leuten dort eine Freude zu bereiten und in ihr alltägliches Leben ein bisschen Schwung zu bringen. Ich glaube, dass es in Offenburg keinen anderen Chor gibt, der so oft wie wir in solchen Einrichtungen auftritt. Und wir verstehen das als unsere wichtige soziale Aufgabe.

Unser Chor präsentiert sich nicht nur in Deutschland, sondern auch in Russland. Vom 10. bis 13. November 2011 fand in Jekaterinburg — der Ural-Metropole und der viertgrößten Stadt Russlands — das 1. Kulturfestival der Russlanddeutschen der Ural-Region statt. Auf Einladung der Deutschen National-Kulturellen Autonomie der Republik Komi, die seit mehr als elf Jahren intensive partnerschaftliche Beziehungen mit der Kreis- und Ortsgruppe Offenburg/Ortenaukreis der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e. V. pflegt, nahmen an diesem Festival auch die Solisten des Offenburger Chores der Deutschen aus Russland „Jungbrunnen“ Paul Beck und Ludmila Bohn teil.

Die Auftritte im Kulturhaus des Dorfes Glinskoje, Kreis Resh, Gebiet Swerdlowsk, und besonders bei der Galavorstellung im Kulturpalast des Swerdlowsker staatlichen regionalen Volkskunstverbandes vor mehr als tausend Zuschauern war eine neue Herausforderung für dieses Duett, die es mit Bravour bestanden hat.

Die Vokalgruppe des Offenburger Chores der Deutschen aus Russland „Jungbrunnen“ —  Paul Beck, Ludmila Bohn, Marta Peters und Viktor Loos unter der musikalischen Leitung und Begleitung von Anton Bittel — nahm Ende Oktober 2012 an den Feierlichkeiten in der Republik Komi teil, die im Rahmen der Tage der deutschen Kultur in der Republik Komi durchgeführt wurden.

Mit der Vokalgruppe unseres Chores waren wir auch in den Jahren 2016 und  in diesem Jahr bei unseren Partnern in Syktywkar wieder. Mit dem dortigen Chor „Edelweiß“, der bei uns zu unserem 10-jährigen Jubiläum zu Besuch war, verbindet uns bereits eine langjährige Freundschaft. Dies drückt sich auch dadurch aus, dass wir bereits vier Lieder auf der Sprache Komi singen können.

Bei einem Auftritt des Chores „Jungbrunnen“ auf dem Bachfest in Bohlsbach sagte der damalige stellvertretende Vorsitzende des Bohlsbacher Musikvereins „Harmonie“ Joachim Litterst: „Wir sind schon längst eins und zusammen“. Die zahlreichen Zuschauer wie auch Sänger und Sängerinnen des Chores bekräftigten seine Worte mit stürmischem Applaus.

Diese Worte unterstreichen deutlich, welchen Beitrag der Chor „Jungbrunnen“ mit seinen Auftritten bei den Stadtteilfesten und anderen öffentlichen Veranstaltungen zur gegenseitigen Verständigung der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen in Offenburg leistet. Nicht umsonst werden seine Konzerte unter dem Motto „Miteinander statt nebeneinander“ durchgeführt. Diese Devise ist eigentlich längst zum Sinnbild des Chores „Jungbrunnen“ geworden.

Nach diesem Exkurs in die Geschichte unseres Chores und den anderen Begrüßungsreden hat unser Chor das Konzertprogramm eröffnet. Darauf folgte ein ganz besonderer Programmpunkt – der Premierenauftritt der Tanzgruppe der Jugendlichen, die vor einem Jahr von unserer Kreis- und Ortsgruppe der Landsmannschaft organisiert wurde. Die jungen Laienkünstler wurden wie auch vorher der Chor „Jungbrunnen“ vom Publikum mit stürmischem Applaus und Bravo-Rufen unterstützt.

Genauso herzlich wurden von den Zuhörern auch die anderen von uns eingeladenen musikalischen Kollektive empfangen und verabschiedet: der Chor „Gute Laune“ aus Pforzheim, mit dem uns auch eine langjährige Freundschaft verbindet und bei dessen traditionellen jährlich veranstalteten Chorfestival wir fast immer teilnehmen, die Singgruppe „Heimatstimme“ aus Lahr/Schwarzwald, mit der wir auch seit langem befreundet sind und die auch bei unserem 10-jährigen Jubiläum dabei waren, und der Männergesangsverein „Eintracht“ aus Offenburg-Bohlsbach, bei dem wir bereits einige Male bei seinen Veranstaltungen auftraten und dem wir jetzt auch zwei unsere Sänger „leihen“. Alle diesen künstlerischen Gruppen mussten auf Verlangen des Publikums Zugabe-Auftritte leisten.

Als Abschlussakkord des musikalischen Programms diente der erneute Auftritt des Geburtstagskindes – des Chores „Jungbrunnen“. Der Chor musste dann nicht nur sein geplantes Repertoire singen, sondern auch einige Wünsche des Publikums erfüllen.

Unsere Jubiläumsfeier wurde von Stefan Böhm, Mitglied des Gemeinderates der Stadt Offenburg, moderiert. Er ist bereits seit Jahren unser Freund und glühender Fan des Chores, der auch überlegt, in ruhigeren Zeiten als Mitglied unseren Chor zu unterstützen. Wie auch bei unserem 10-jährigen Jubiläum hat er auch wieder sehr professionell, charmant und mit Humor durch diese – nach der Meinung unserer Gäste sehr gelungene – Veranstaltung geführt.

 

Auf dem Foto: Auf der Bühne des Gemeindezentrums der Heilig-Geist-Kirche

das Geburtstagskind – der Offenburger Chor der Deutschen aus Russland „Jungbrunnen“.

Text: Georg Stößel

Foto: Anastasia Bittel

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